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Nachhaltigkeit

Grün gewinnt

Nachhaltige Kleidung
Wer nachhaltig leben möchte, muss oft Abstriche machen: Entweder leidet die Umwelt oder der eigene Komfort. So die weitverbreitete Meinung. Anders bei VAUDE: Geschäftsführerin Antje von Dewitz zeigt, dass beides geht – man muss nur das große Ganze immer im Blick behalten.

Kann man Nachhaltigkeit mit Wirtschaftlichkeit erfolgreich kombinieren? Ist es möglich, nicht auf Kosten der Umwelt zu wirtschaften und trotzdem „bei den Großen” mitzuspielen? „Unkombinierbar“, sagen viele. Denn Nachhaltigkeit ist regional begrenzt, passiert im Kleinen, nicht bei einem weltweit agierenden Konzern. „Geht aber“, sagt Antje von Dewitz. Die 48-Jährige ist Geschäftsführerin des Outdoor-Ausrüsters VAUDE. Ihr Vater, Albrecht von Dewitz, gründete die Firma 1974, 2009 übergab er das Familienunternehmen seiner Tochter. Heute ist VAUDE der offizielle Ausrüster des Deutschen Alpenvereins und unter Profis wie Outdoor-Fans gleichermaßen beliebt.   

Neue Hierarchien und Mitverantwortung

Vergleicht man das Portfolio von damals und heute, hat sich durch den Generationenwechsel augenscheinlich wenig verändert: Rucksäcke, Zelte, Funktionskleidung – die Produktpalette ist die gleiche. „Aber das, was früher bereits vereinzelt projektbezogen in Richtung Nachhaltigkeit gemacht wurde, wird nun stringent und ganzheitlich umgesetzt. Sprich, eine Recycling-Linie gab es früher schon, heute haben wir unser eigenes, strenges Bewertungssystem Green Shape für nachhaltige Produkte, das beispielsweise für fast 100 Prozent unserer Bekleidung gilt“, erklärt die VAUDE-Chefin. Was sich seit ihrer Übernahme der Geschäftsleitung auch stark verändert habe, sind die internen Strukturen. „Mein Vater gründete das Unternehmen, es war sein ,Baby’ und auf ihn zugeschnitten. Doch gemeinsam mit ihm habe ich angefangen, viele Strukturen zu verändern, als wir VAUDE ,übergabefit‘ machten: Wir haben Abläufe optimiert, Hierarchien eingezogen und Mitverantwortung ermöglicht“, erinnert sie sich.  Auch der Standort ist heute derselbe wie damals: Das Unternehmen sitzt seit seiner Gründung im beschaulichen Tettnang/Obereisenbach, eingebettet zwischen Bergen, Wiesen und der Dorfkirche.  

„Der Standort ist ein Stück Heimat“

So ein bisschen erinnert die Standort-Philosophie an den Internetriesen Google: Das Firmengelände soll ein Ort zum Wohlfühlen sein, es gibt eine eigene Kletterwand und einen Pumptrack, die firmeneigene Bio-Kantine „Mittagsspitze“ sorgt für die frische, gesunde Verpflegung. „Der Standort ist nicht nur ein Gebäude, er ist ein Stück Heimat. Es ist ein wichtiger Treffpunkt, an dem auch die Freizeit nicht zu kurz kommen darf: Schließlich arbeiten wir in dieser Branche, da wollen wir unseren Leuten ja auch Freizeit ermöglichen“, erklärt von Dewitz die ausgewogene Work-Life-Balance bei VAUDE. „Wir sind hier quasi ein Teil der Dorfgemeinde und sogar Pächter des Freibades, das zuvor von der Schließung bedroht war. Außerdem haben wir ein Kinderhaus in Kooperation mit der Stadt Tettnang errichtet. Das schafft natürlich Verwurzelung.“   

Am Standort sind rund 530 Mitarbeiter:innen ­beschäftigt, auch produziert wird hier. Doch der Großteil der Ware wird im Ausland hergestellt, auch in Europa, aber vor allem in China und Vietnam. „Meine Lernkurve beim Thema Produktion in Asien war immens hoch: Auch mit viel gutem Willen ist es für die meisten unserer Produkte nicht möglich, sie in Europa zu fertigen, und Asien bedeutet nicht automatisch schlechtere Arbeitsbedingungen als in Europa!”, bricht von Dewitz eine Lanze für die globale Produktion. Aus Deutschland sei die Textilproduktion vor 30 Jahren weggezogen. Die meisten VAUDE-Produkte lassen sich hier gar nicht mehr fertigen, weil es keine Produktionsstätten mehr gibt. Wenn doch, dann wären die Kosten dort so hoch, dass der Outdoor-Spezialist nicht mehr marktfähig wäre. „Also produzieren wir unter anderem in Asien und engagieren uns dabei für faire Arbeitsbedingungen und eine umweltfreundliche Produktion. Die Standards in unserer Branche haben sich dort im Allgemeinen stark verbessert“, erklärt Antje von Dewitz. „Aber das Image der Textilindustrie ist, generell und meist auch berechtigt, ein schmutziges: schlechte Arbeitsbedingungen, Chemikalien, Emissionen, der Wasserverbrauch. Wir tun, was wir können, um dem entgegenzuwirken und zu zeigen, dass es auch anders geht.“  

Fair für Mensch und Umwelt

Ganz nach diesem Vorsatz ist der Standort in Tettnang bereits seit 2012 klimaneutral, die weltweite Klimaneutralität aller Produkte stehe als Nächstes auf dem Plan. Außerdem legt die baden-württembergische Unternehmerin viel Wert auf kreative Ideen: Damit auch die verwendeten Materialien die Ökobilanz nicht nach oben schnellen lassen, werden innovative Kunststoffe aus Rizinus- statt Erdöl hergestellt, kuschelige Fleece-Jacken bestehen aus Holzfasern. Dazu spielen auch die Bedingungen, unter denen produziert wird, eine wichtige Rolle. „Wir sind seit 2010 Mitglied der Fair Wear. Das ist quasi der höchste Sozialstandard, den es in der globalen Textilindustrie gibt.” Die Fair Wear ist eine unabhängige NGO, die mit verschiedenen Bekleidungsmarken zusammenarbeitet, um die Arbeitsbedingungen in der Branche zu verbessern. Dabei geht es also nicht um einen Industriestandard, den ein Unternehmen selbst kontrolliert, sondern um den Multistakeholder-Standard, den externe Auditoren nach strengen Richtlinien überprüfen. „Da sprechen wir dann zum Beispiel nicht mehr von Mindestlöhnen, sondern über die Sicherstellung von existenzsichernden Löhnen“, führt Antje von Dewitz aus. „Nur wer im Audit Bestnoten in allen Belangen erhält, erhält wie VAUDE den Leader-Status und darf das Fair-Wear-Siegel an seine Produkte anbringen. Dass man die Anforderungen erfüllt, muss jährlich von beiden Seiten – Produzent und Hersteller – nachgewiesen werden.“  

Nachhaltig heißt auch langlebig

Das nachhaltige Denken bei VAUDE endet aber nicht mit dem verkauften Produkt. Das Unternehmen bietet seine Ware über die eigene Website auch zur Miete an. Dazu gibt es Reparaturanleitungen auf iFixit, einen VAUDE Second Use Store auf eBay, eine Upcycling-Plattform, um Restmaterialien ein neues Leben zu geben, und ein Re-Commerce, über das alte Ware wieder aufgefrischt und verkauft werden soll, ist gerade in Planung. Doch wie passt das mit einem wirtschaftlich erfolgreichen Unternehmen, das VAUDE mit rund 110 Mio. Euro Umsatz im Jahr (2020) definitiv ist, zusammen? „Wenn du dein Unternehmen auf Profit ausrichtest und dir der Schaden, den du damit anrichtest, egal ist, widersprechen sich Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit”, betont Antje von Dewitz. „Aber wir haben akzeptiert, dass wir Teil eines Problems sind.” Die Textilindustrie sei besonders problematisch, ist sie doch mitverantwortlich für Mikroplastik, Ressourcenverbrauch, die Klimaveränderung. „Deswegen sehe ich es als meine unternehmerische Verantwortung auch Lösungen für diese Probleme zu entwickeln und Sorge dafür zu tragen, dass meine Arbeit möglichst keinen Schaden bei Mensch und Natur anrichtet.” Das fange zwar bei Materialien und Produktionsweise an, aber fast 40 Prozent liegen in der Verantwortung der Konsument:innen: Wie wird ein Produkt gepflegt? Wie lange wird es genutzt? „Gibt man Kund:innen einen Leitfaden an die Hand, steigt die Lebenszeit der Produkte und es werden weniger Ressourcen verbraucht“, gibt die VAUDE-Chefin zu bedenken. Denn bereits Mitte des Jahres ist der Earth Overshoot Day: Etwa im August haben wir quasi alle regenerativen Energien für das ganze Jahr verbraucht. Ab dann leben wir auf Kosten der nachfolgenden Generationen. 

Der Nachhaltigkeits-Campus

Dass dieses Umdenken inzwischen viele Menschen erreicht hat, ist auch an der Nachfrage für nachhaltige Outdoor-Produkte zu sehen. „Früher haben wir oft von unseren Händler:innen gehört: ‚Es ist ja schön, dass ihr euch bemüht, aber nach der Nachhaltigkeit fragen Kund:innen nicht.‘ Heute kommen die Händler:innen auf uns zu und fragen, wie sie nachhaltige Produkte kompetent verkaufen können“, so die Geschäftsführerin. Um die Verkäufer:innen optimal zu schulen, gibt es seit vielen Jahren Seminare in der Green Shape Akademie: Dort gewinnen Händler:innen in zweitägigen Schulungen fundiertes Wissen über die nachhaltige Herstellung der VAUDE-Produkte, das sie im Verkauf überzeugend einsetzen können. Denn Studien zeigen: Eigentlich möchten die Menschen nachhaltig einkaufen, doch zum tatsächlichen Kauf gibt es noch eine große Lücke. Und genau diese möchte der Outdoor-Spezialist schließen.  2020 wurde der Campus außerdem um die VAUDE Academy erweitert: Dort werden Unternehmen und Organisationen bei der nachhaltigen Transformation unterstützt. Dieser Weg ist jedoch ein langer, wie Antje von Dewitz aus eigener Erfahrung weiß: „Wir wurden 2015 als nachhaltigste Marke Deutschlands ausgezeichnet. Früher habe ich immer gedacht ‚Wenn es mal so weit ist, dann stehen wir am Gipfel und haben es geschafft.‘ Heute weiß ich: Da ist kein Berg, sondern eine sehr lange Straße. Man schaut nach vorn und denkt: Oh wow, da liegt aber noch viel Wegstrecke vor uns. Aber mit jedem Schritt erhält man mehr Wissen, versteht die Zusammenhänge und erkennt: Da ist noch so viel zu tun.“  

„Bleibt euren Werten treu!“

Besonders wichtig sei auf der Reise in die Nachhaltigkeit aber die Transparenz. Nur so generiere ein Unternehmen Glaubwürdigkeit und Vertrauen. Dazu sei es auch entscheidend, Expert:innen von Anfang an mit ins Boot zu holen. „Wer sich nachhaltig aufstellen möchte, der sollte sich nicht mit den niedrigsten Standards begnügen. Für den umfassenden Blick auf soziale und ökologische Herausforderungen ist eine gute Nachhaltigkeits- und Umweltexpertise unabdinglich. Außerdem ist nur glaubwürdig, wer seinen Werten treu bleibt“, erklärt Antje von Dewitz. Unternehmer:innen sind immer gefährdet, für die Wirtschaftlichkeit ihre Prinzipien über Bord zu werfen. Dadurch verlieren sie aber an Charakter, an Kredibilität. „Tut das nicht, bleibt euren Werten treu!“, rät die Unternehmerin. Denn auch die Konsument:innen legen immer Wert auf glaubwürdige, authentische Marken. 

Ihren Werten bleibt die Vierfach-Mama auch zuhause treu. „Wir ernähren uns hauptsächlich vegetarisch, meine Kinder meist sogar vegan. Nur mein Mann, der isst noch Fleisch, aber er hat auch vor dem Studium eine Ausbildung zum Metzger gemacht“, lacht sie. Außerdem sorgen Solarpanele auf dem Dach für Ökostrom und der alte Hof, auf dem die Familie lebt, soll ein Paradies für Flora und Fauna werden. „Mein Mann ist absoluter Biodiversitätsverfechter. Deswegen pflanzen wir in diese industrielle Apfel- und Hopfenanbauzone hier alte Gemüsesorten und viele Hecken und bieten Insekten und Vögeln auf dem Gelände eine Heimat.“  

Nachhaltigkeit selbst ist nicht teuer

Man muss keine Abstriche machen, um Nachhaltigkeit zu leben. Für faire Arbeitsbedingungen und die Umwelt sind die Menschen heute oft bereit, ein wenig tiefer in die Tasche zu greifen. Trotzdem, findet Antje von Dewitz, muss sich die Einstellung in der Gesellschaft weiter ändern: „Nachhaltigkeit selbst ist nicht teuer. Teuer sind die Auswirkungen des eigenen nicht nachhaltigen Handels: Das geht auf die Rechnung der Umwelt, der nachfolgenden Generationen und der Menschen, die ihre Arbeit für wenig Geld anbieten. Nachhaltigkeit heißt nichts anderes, als dafür Sorge zu tragen, dass das, was jeder Einzelne anrichtet, keinen Schaden verursacht oder hinterlässt.“ 

 

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