Logo Rocketeer

Strategy & Leadership

READY FOR CHANGE?

Bild: Sophie Gutberlet
Karrierewege sind nicht linear, sondern lebendig. Das zeigt die Geschichte von Unternehmerin, Aufsichtsrätin und Bestsellerautorin Fränzi Kühne. Ihre Laufbahn ist geprägt von unerwarteten Wendungen und Sprüngen ins kalte Wasser. Heute gestaltet sie digitale Transformation, setzt sich für neue Führungsmodelle ein und beweist: Familie und Spitzenposition sind nicht nur vereinbar, sie können sich auch gegenseitig stärken. Erfolg braucht keinen Masterplan.

Eigentlich wollte die gebürtige Berlinerin ­Kriminalkommissarin werden. Aber sie fällt durch den Aufnahmetest – angeblich sei sie zu stressresistent. Statt Uniform folgt Ausprobieren: Jura-Studium, Jobs im Eventbereich, später verschlägt es sie zum Games-Unternehmen Frogster. Dort trifft sie auf Christoph Bornschein, den sie aus dem Hörsaal kennt. Bald darauf Plot-Twist Nummer zwei: Sie bricht ihr Studium ab und gründet ein Unternehmen.

Eine der ersten Social-Media-Agenturen Deutschlands

Aus der Freundschaft mit Bornschein wird eine Wohngemeinschaft, aus einer Idee eine Firma: Sie gründen gemeinsam mit Boontham Temaismithi die Agentur „Torben, Lucie und die Gelbe Gefahr“ – kurz TLGG. Das Timing ist perfekt. Während ­viele Unternehmen noch rätseln, was Facebook oder Instagram für sie bedeuten könnten, erklären die drei ihnen, wie digitale Transformation ­funk­-
tioniert. Sie werden Pionier:innen in einem sich ­rasant verändernden Internet.

TLGG wächst schnell, beschäftigt bald mehr als 200 Mitarbeitende in Berlin und New York. Später übernimmt das Agenturnetzwerk ­Omnicom die Agentur, Fränzi bleibt zunächst an Bord. Parallel dazu erreicht sie ein weiteres ­Angebot, das ihr Berufsleben auf den Kopf stellt: Sie wird in den Aufsichtsrat der Freenet AG gewählt – als jüngste Aufsichtsrätin eines börsennotierten Unternehmens in Deutschland. Wieder ein Sprung ins Ungewisse. Es folgen weitere Mandate, unter anderem bei der ­Württembergischen Versicherung AG.

Dann der nächste Einschnitt: Fränzi steigt bei TLGG aus. Geplant ist eine Auszeit, vielleicht eine Reise. Doch die Corona-Pandemie durchkreuzt ihre Pläne. Statt einer Sackgasse folgt ­jedoch ein neues Projekt. Sie beginnt zu schreiben – und landet mit ihrem Buch „Was Männer nie gefragt werden“ einen Bestseller. Auch hier kein strategischer Karriereschritt, sondern die Reaktion auf das Leben, wie es gerade kommt.

Neue Wege in der Führung

Das nächste Kapitel schrieb sie mit edding. Als Chief Digital Officer trieb sie hier seit März 2022 die digitale Transformation voran – und das im Tandem mit Boontham Temaismithi. Zwei Vor­stände, eine Position: ein in Deutschland ­bislang kaum erprobtes Modell.

Für Fränzi ist das Jobsharing gelebtes
New Leadership: „Für mich war es perfekt. Ich hatte dadurch parallel Zeit für meine Familie und für meine anderen Projekte. Gute Führung hat nichts mit Dauerpräsenz zu tun.“ Das ­Modell funktioniere nicht nur wegen des gegenseitigen Vertrauens, sondern weil die moderne Arbeitswelt neue Antworten brauche. ­Tandem-Modelle seien effizient und ein echter Diversitätshebel.

Die größte Herausforderung bei Transformationsprozessen sei ohnehin nie die Technologie. „Es sind immer die Menschen. Man muss ­akzeptieren, dass nicht alle Mitarbeitenden ­begeistert mitgehen.“ Digitalisierung ist kein reines IT-Projekt, sondern ein kultureller ­Wandel. Gerade deshalb seien diverse Teams entscheidend. Unterschiedliche Perspektiven führten zu besseren Lösungen. Vielfalt ist kein bloßes Wohlfühlthema. Sie ist ein wichtiger Business-Faktor.

Mut entsteht durch Machen

Als Teil des Advisory Councils der Politikberatung 365 Sherpas berät Fränzi Unternehmen in den ­Bereichen Digitalisierung, Business Transformation, Leadership und Diversity. Zudem engagiert sie sich seit Jahren für mehr Frauen in Führungs­etagen, unter anderem bei der AllBright Stiftung, wo sie Reformvorschläge für mehr Diversität in Unternehmen mitentwickelt. „Die Strukturen müssen sich ändern“, erklärt sie. „Einerseits ­beispielsweise durch konkrete Arbeitszeitrege­-lungen oder eine verbindliche Elternzeit für ­Männer. Andererseits durch Unternehmens­kulturen, die Sprache, Humor und herrschende Vor­urteile reflektieren.“

Gleichzeitig ermutigt sie Frauen, Chancen zu ergreifen – auch wenn sie sich noch nicht zu hundert Prozent bereit fühlen. „Man muss sich Schuhe anziehen, die zwei Nummern zu groß sind.“ Sie selbst habe das Aufsichtsratsmandat angenommen, ohne genau zu wissen, was auf sie zukommt.

Karriere und Kinder? Kein Widerspruch.

Wenn Fränzi Kühne über Erfolg spricht, geht es ihr nicht um KPIs oder Titel: „Gesellschaftliche Verantwortung übernehmen, wirksam sein, dabei Leichtigkeit und Glück empfinden, das macht ein erfolgreiches Leben für mich aus.“

Eine klare Zukunftsvision habe sie nicht. Die Zeiten seien zu ungewiss. Was sie aber besitzt, sind eine ausgeprägte Intuition und ein innerer Kompass: „Meine Kinder und die Frage, in ­welcher Welt sie aufwachsen, das ist mein größter Motivator.“ Eine stabile Demokratie, ­Sicherheit, Freiheit – dafür lohne es sich, Verantwortung zu übernehmen. Die berufliche Laufbahn wird damit nicht zum Selbstzweck, sondern zum Mittel, Zukunft mitzugestalten.

Natürlich gebe es auch bei ihr Momente der Überforderung. Doch Planung, Organisation und feste familiäre Routinen schaffen Stabilität. Wer Unternehmen transformiere, müsse selbst innerlich gefestigt sein. Ihre Prioritäten seien klar – und genau das mache vieles leichter.

Was wir von Fränzi lernen können? Dass gute Führung heute weniger mit reiner Durch­setzungsstärke zu tun hat als mit Empathie, Anpassungsfähigkeit und damit, wie wir auf Unvorhergesehenes reagieren. Denn die einzige Konstante bleibt die Veränderung. Aber ­vielleicht kommt es genau darauf an: nicht alles kontrollieren zu wollen – sondern bereit zu sein, wenn sich eine neue Tür öffnet. Und wo ihre eigene Reise als Nächstes hinführt? Das bleibt fürs Erste ungewiss.

»Man muss sich Schuhe anziehen, die zwei Nummern zu groß sind.«

Fränzi Kühne

Bilder: edding AG/Max Therfall; Jan Wohlfahrt

Rollenbilder auf dem Prüfstand

Jahrelang wurde Fränzi Kühne in Interviews zu ­Kleidung, Kinderbetreuung oder Vereinbarkeit befragt. In ihrem Bestseller „Was Männer nie gefragt werden“ dreht sie die Perspektive um. Also stellte sie genau diese Fragen prominenten Männern wie dem ehemaligen Siemens-Chef Joe Kaeser oder dem langjährigen ­Linken-­Spitzenpolitiker Gregor Gysi. Das Ergebnis ist ein kluges, teils humorvolles, teils entlarvendes Buch über Rollenbilder, Erwartungen und blinde Flecken in der Gleich­stellungsdebatte. Das Erstaunliche dabei:
Viele der befragten Männer berichten offen von Reue – etwa darüber, zu wenig Zeit mit ihren Kindern verbracht zu haben. Solche Gespräche sollten wir gerade mit Männern öfter führen.

 

Bilder: edding AG/Max Therfall; Jan Wohlfahrt

Vita

Fränzi Kühne ist Unternehmerin, ­Aufsichtsrätin, Autorin und Speakerin. Sie ist Mitgründerin der TLGG GmbH, der ersten Social-Media-Agentur Deutschlands, die bis zu ihrem Ausstieg 2020 auf über 200 Mitarbeitende in Berlin und New York wuchs. 2017 ­wurde sie als jüngste Aufsichtsrätin Deutschlands in den Aufsichtsrat der Freenet AG gewählt. Weitere Mandate folgten unter ­anderem bei der Württem­bergischen Versicherung AG und der edding AG.

Kühne berät seit vielen ­Jahren Führungskräfte und Unternehmen zu Transformation und New Work. 2015 kürte Edition F sie zu ­einer der 25 wichtigsten Frauen der digitalen ­Zukunft, 2018 zählte sie das Capital Magazin zu den „40 unter 40“. 2023 wurde sie beim Role Model Award zur ­„Managerin des Jahres“ gekürt. Sie engagiert sich für mehr ­Diversität in Führungs­etagen, unter anderem bei der AllBright ­Stif­tung, und schreibt re­gel­mäßig über Digitalisierung, Unternehmertum und Gleichstellung.

Lies auch: