Strategy & Leadership
DIE MEISTEN MENSCHEN SCHEITERN NICHT, SIE GEBEN EINFACH NUR ZU FRÜH AUF.
Sein Name ist hier omnipräsent. Überall prangen die Buchstaben, die das Versprechen geben: Du wirst etwas Besonderes erleben. Seit 2017 ist die „Jochen Schweizer Arena“ südlich von München Ausflugsziel für Kick-Suchende. Auf 15.000 Quadratmetern kann man fliegen, surfen, klettern, essen, tagen und künftig auch arbeiten und übernachten. Im Oberstock der Arena liegt das Büro, in dem der 68-Jährige bei Ingwertee und gesunden Keksen auf die Minute pünktlich zum Gespräch empfängt.
Es ist das erste Interview, bei dem es im Vorfeld hieß: „Bring bitte Turnschuhe mit.“ Warum ist dir das Erleben so wichtig?
Jochen Schweizer: Weil ich davon überzeugt bin, dass körperliche Erfahrungen zu einer mentalen Veränderung führen. Viele Menschen glauben, sie müssen das Richtige lesen, die richtigen Gespräche führen, das Richtige studieren, die richtigen Therapeuten haben. Das kann bei der persönlichen Weiterentwicklung alles helfen. Was aber am meisten hilft, sind körperliche Erfahrungen. Denn durch Erleben entsteht mentale Veränderung. Du bist doch bestimmt davon überzeugt, dass Menschen nicht fliegen können, oder?
Das war ich, bis ich vor einer halben Stunde in den Windkanal geschickt worden bin …
Genau. Wenn der Mensch fliegt, dann durchbricht er die eigentlich für ihn vorherbestimmte Daseinsebene und begibt sich in eine Zwischenwelt, für die er vermeintlich nicht vorherbestimmt ist. Kognitiv ist dir völlig klar, warum du geflogen bist. Ich habe hier einen großen Föhn gebaut und in dem gewaltigen Luftstrom kannst du fliegen. Dein Unterbewusstsein arbeitet aber immer auch mit Glaubenssätzen und viele davon begrenzen uns.
Du willst, dass die Menschen ihre Glaubenssätze infrage stellen?
Ja, denn sie hindern uns manchmal daran, unser wahres Potenzial zu entdecken und zur Entfaltung zu bringen. Glaubenssätze infrage zu stellen, limitierende Glaubenssätze zu überwinden, ist ein zentraler Punkt für die persönliche Weiterentwicklung. Und ich glaube, dass in körperlichen Erlebnissen ein wichtiger Hebel liegt, um diese Weiterentwicklung zu erreichen.
Welche Glaubenssätze musstest du überwinden?
Dass man Talent, eine bestimmte Startposition oder Helfer braucht, um große Ziele erreichen zu können. Ich habe stattdessen schon immer daran geglaubt, dass eine Sache, die ich mir vornehme, gelingen kann.
Schon immer?
Zumindest kann ich mich nicht daran erinnern, jemals grundsätzlich daran gezweifelt zu haben. Für mich war klar: Wenn ich bereit bin, den Schmerz der Disziplin zu ertragen und dranzubleiben, dann wird es schon irgendwie gelingen.
Hast du eine Erklärung, woher das kommt?
Wahrscheinlich dadurch, dass ich vaterlos groß geworden bin und mir von klein auf alles selbst erarbeiten musste. Ich war ein klassisches Schlüsselkind. Meine Mutter war alleinerziehend, arbeitete hart und ich war mir selbst überlassen. Mit dem Schlüssel um den Hals hatte ich aber eine Menge mehr Freiheit als andere Kinder. Und die habe ich genutzt.
Welche Rolle spielt die innere Haltung dabei?
Nur wenn du glaubst, dass eine Sache gelingen kann, wirst du es wagen. Wir leben in einer Welt ohne Glauben. Viele Menschen haben den Glauben verloren – an Gott, an das Gute, den Glauben an die Zukunft. Und wenn du nicht glaubst, dass eine Sache gelingen kann, wirst du nie von dieser Couch aufstehen und dich auf den Weg machen. Also ist der Glaube ans Gelingen die Grundvoraussetzung, damit du etwas unternimmst und damit für alles, was du dir im Leben vornimmst.
Nur, weil ich an etwas glaube, heißt das ja aber nicht, dass es gelingt …
Nein, dafür gibt es keine Garantie. Ich habe mich auch immer mal wieder geirrt. Denn wenn du etwas wagst, dann kriegst du erst mal auf die Mütze, weil meistens die Sachen nicht so laufen, wie du dir sie vorgestellt hast. Es treten Umstände ein, die nicht vorhersehbar waren. Es entstehen Schwierigkeiten auf deinem Weg. Diese musst du überwinden. Wenn du das schaffst, kannst du wachsen. Du wirst stärker und irgendwann kannst du fliegen.

Fliegen?
Ja, das Ziel ist Fliegen im übertragenen Sinne, gemeint als höchste Form der Freiheit. Dafür brauchst du zum einen finanzielle Unabhängigkeit. Sonst kannst du in dieser Welt, in die wir hineingeboren wurden, nicht frei sein. Denn persönliche Freiheit setzt finanzielle Unabhängigkeit voraus. Ich sage bewusst finanzielle Unabhängigkeit und nicht Reichtum, denn das ist ja ein relativer Begriff. Du bist dann finanziell frei, wenn du jeden Tag einen Euro mehr einnimmst, als du ausgibst.
Kommt da deine Oma in Heidelberg ins Spiel?
Ja, genau, die hat immer gesagt: „Du musst eine Mark mehr verdienen, als du ausgibst.“ Eine einfache und wichtige Regel.
Und die zweite Ebene der persönlichen Freiheit?
Die spielt sich auf der mentalen Ebene ab. Fast alle Menschen tragen in sich eine emotionale Limitierung, die aus erlebten Verletzungen resultiert. Unsere Aufgabe ist es, diese durch Vergebung zu überwinden. Radikale Vergebung rechtfertigt nicht, dass du verletzt wurdest. Sie ist ein Geschenk, das du dir selbst machst.
Weil es dich frei macht?
Ja. Denn aus einem emotionalen Gefängnis heraus kannst du kein freies Leben führen.
Widerstände – seien sie innerlich oder äußerlich – zu überwinden, kostet Kraft. Du hast mal gesagt, dass es einen großen Unterschied zwischen Aufgeben und Scheitern gibt. Was meinst du damit?
Die meisten Menschen scheitern nicht, sie geben einfach nur zu früh auf. Und mit zu früh meine ich: Es ist immer zu früh!
Selbst, wenn die Kraft nicht mehr da ist?
Kennst du die Geschichte von den beiden Fröschen, die in einen Eimer voll Sahne fallen?
Ja. Der eine gibt auf und geht unter und der andere strampelt bis ans Ende seiner Kräfte, obwohl es kein Entkommen gibt. Irgendwann wird die Sahne zu Butter und er klettert heraus.
… das heißt, zu kämpfen ist ein Prinzip, es ist eine Haltungsfrage. Natürlich waren beide Frösche der Überzeugung, dass es kein Entrinnen gibt aus diesem Eimer. Das bedeutet, es geht gar nicht um die Frage, ob du glaubst, dass es einen Ausweg gibt.
Sondern?
Du gibst niemals auf, weil es eine Haltung ist. Wenn du niemals aufgibst, hast du zumindest die Chance, zu entkommen. Und wenn du dennoch scheiterst, bist du in einer neuen Situation, mehr ist es nicht. Und diese Situation wiederum kannst du nur als Herausforderung begreifen, um am Ende daran zu wachsen. Deswegen: Es ist immer zu früh. Du gibst niemals auf. Punkt.
Du hast in deinem Leben schwere Krisen erlebt – gesundheitlich und beruflich. Woher weiß man, dass man dennoch auf dem richtigen Weg ist?
Manchmal weiß man es nicht. Um es herauszufinden: Handle. Nur der Gehende schafft den Weg. Du kannst auch ewig herumgrübeln, das macht die Sache aber nicht besser. Ob du richtig oder falsch liegst, kannst du nur rausfinden, indem du handelst. Für mich hat Erfolg drei Buchstaben: T U N.
Du bist vom waghalsigen Kanuten zum innovativen Geschäftsmann geworden, der sich immer wieder neu erfindet. Hier um die Ecke hast du gerade erst ein Solarfeld gebaut, auf dem jährlich 7,1 Gigawattstunden Strom erzeugt werden. Wie klar definierst du deine Ziele?
Einerseits sehr sachlich und präzise. Um meine Eventlocation klimapositiv zu machen, bedurfte es konkreter, rationaler Handlungen, die wir diszipliniert umgesetzt haben. Andererseits definiere ich Ziele manchmal sehr emotional, indem ich mich frage: Wie will ich mich fühlen? Um dann die Frage zu beantworten: Was muss ich dafür tun? Dabei sind Ziele nie statisch, sondern verändern sich, während wir uns auf sie zu bewegen. Damit dokumentieren sie auch unsere eigene Veränderung. Nachdem ich einige große Ziele in meinem Leben erreicht hatte, wurde klar: Es geht gar nicht um das Ziel. Es geht um den Weg. Denn der ist das Leben.
Hast du je nach Sicherheit gestrebt?
Nein, das Leben ist höchst unsicher. Manche Menschen gehen als Angestellte in die Bank, weil sie meinen, da ist es sicher. Was für eine Illusion.
Du bist 68, hast finanziell ausgesorgt und dir mit der Arena hier ein Denkmal gesetzt. Warum bist du weiterhin so aktiv?
Da, wo ich mich jeweils befinde, ist immer nur mein Ausgangspunkt. Ich bin immer auf dem Weg und nie im Ziel.
»Es entstehen Schwierigkeiten auf deinem Weg. Diese musst du überwinden. Wenn du das schaffst, kannst du wachsen. Du wirst stärker und irgendwann kannst du fliegen.«Jochen Schweizer