Sara Nuru
WANDELBAR BLEIBEN, NACHHALTIG WIRKEN. WIE UNTERNEHMERTUM, SOCIAL IMPACT UND ZUKUNFT ZUSAMMENWIRKEN
Man kann sich höchstens ausmalen, wie das grelle Blitzlichtgewitter auf sie niedergeht, als sie 2009 die Catwalks eines bekannten TV-Formats betritt und beginnt, die Herzen der Zuschauer:innen zu erobern. Doch wer damals nur den Glamour auf dem Laufsteg sah, ahnte noch nichts von der Geschichte dahinter. Denn heute nutzt die
36-jährige Sara Nuru ihre Bekanntheit nicht nur als öffentliche Bühne, sondern als strategische Plattform für unternehmerische Initiativen mit gesellschaftlicher Wirkung. Abseits der Laufstege baut sie Unternehmen und Projekte auf, die faire Wertschöpfung, Empowerment und nachhaltiges Wirtschaften miteinander verbinden – und zeigt, wie persönlicher Erfolg in verantwortungsvolles Unternehmertum übersetzt werden kann. Dabei inspiriert sie insbesondere junge Frauen, ihre Ideen selbstbewusst umzusetzen und Zukunft aktiv mitzugestalten.
Einen prägenden Aha-Moment erlebte sie während eines Moderations-Jobs in New York: Sie sollte eine mit Blattgold überzogene Speise im Wert von fast 1.000 Euro essen. Für sie war das ein Schock – ein extremer Widerspruch zu ihren persönlichen Werten. Für Nuru wurde dieser Moment zum Wendepunkt: Während sie gleichzeitig Spenden für Menschen sammelte, die mit wenigen Euro am Tag leben, musste sie hier luxuriösen Überfluss inszenieren. Der Kontrast machte ihr die globale Ungleichheit – zwischen Arm und Reich, zwischen globalem Norden und Süden und auch zwischen Männern und Frauen – auf neue Weise bewusst.
Auch aus diesem Impuls heraus begann ein grundlegender Wandel. Gemeinsam mit ihrer Schwester Sali gründete sie nuruCoffee, ein
Social Business für fair gehandelten äthiopischen Kaffee, sowie die gemeinnützige
Organisation nuruWomen, die Frauen in Äthiopien Zugang zu Mikrokrediten und Bildung ermöglicht.
Heute spricht Sara Nuru auf Bühnen, Panels und in Unternehmen darüber, wie verantwortungsvolles Unternehmertum aussehen kann: wirtschaftlich tragfähig, global gedacht und mit echter gesellschaftlicher Wirkung. Ihr Ansatz zeigt, dass Zukunft nicht nur prognostiziert, sondern aktiv gestaltet werden kann.
Sara, gab es den Rocketeer-Moment, in dem du entschieden hast, Unternehmerin zu werden?
SARA NURU: Für mich war es weniger der Wunsch, ein eigenes Unternehmen zu gründen, sondern die Idee, eine Alternative zum klassischen Spendenmodell zu schaffen. Ich habe viele Jahre Fundraising betrieben und wollte das Narrativ verändern: Gutes tun auf Augenhöhe, durch wirtschaftliches Handeln. Als Model war man immer nur reaktiv und fremdbestimmt – das Gefühl, mein eigenes Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, spielte ebenfalls eine große Rolle. Außerdem wollte ich eine sinnstiftende Tätigkeit, die mehr Wirkung hat als nur öffentliche Aufmerksamkeit.

Spielten deine Wurzeln in Äthiopien eine Rolle?
Absolut. Meine Biografie und die Erfahrungen meiner Eltern in Deutschland haben mich stark geprägt. Das Privileg, gehört zu werden und eine Plattform zu haben, wollte ich nutzen, um etwas zurückzugeben – sowohl für meine Familie als auch für das Lan
d meiner Eltern.
Was unterscheidet Sozialunternehmertum von einem klassischen Business?
Der größte Unterschied dabei ist, dass das Soziale immer im Vordergrund steht. Jede Entscheidung wird zuerst nach ihrem gesellschaftlichen Mehrwert bewertet, erst danach nach wirtschaftlichem Nutzen. Beispiel: Wir wollen unseren Kaffee nicht überall vertreiben, nur um konkurrenzfähig zu sein, weil das auf Kosten der Bäuerinnen und Bauern ginge. Bei klassischen Unternehmen steht oft primär Umsatzsteigerung im Vordergrund.
Was war bisher deine schwierigste unternehmerische Entscheidung?
Den einfachen Weg nicht zu gehen. Wir hätten unser Konzept auch einfach outsourcen und nur unseren Namen nutzen können, haben uns aber bewusst entschieden, alles selbst aufzubauen – bootstrappen, selbst finanzieren, kein externes Kapital. Das erlaubt uns, organisch zu wachsen, im eigenen Tempo, ohne fremde Interessen oder Investoren bedienen zu müssen. Es war herausfordernd, immer wieder bei sich zu bleiben und den eigenen Weg nicht aus den Augen zu verlieren.
Welchen Ratschlag würdest du dir, als du angefangen hast, heute rückblickend geben?
Hol dir Hilfe und habe keine Angst, Aufgaben abzugeben! Du musst nicht alles selbst können oder jahrelang versuchen, dir etwas anzueignen, was jemand anderes besser könnte. Konzentriere dich auf deine Stärken und bau dir dementsprechend ein Team, das dich ergänzt. Denn Partner, die in etwas besser sind als du, sind ein Gewinn, kein Risiko.
Bei euren Projekten spielt „Hilfe zur Selbsthilfe“ eine große Rolle – kannst du das erklären?
Bei nuruCoffee ist der Kaffee das Mittel zum Zweck. Wir wollen durch Wirtschaft Gutes tun und Frauen unterstützen – durch Mikrokredite, finanzielle Unabhängigkeit und Selbstbestimmung. Es hätte auch ein anderes Produkt sein können, wir haben uns für Kaffee entschieden, weil er gesellschaftlich verbreitet ist. Vor Ort haben wir dann entdeckt, dass besonders Frauen in der Wertschöpfungskette am meisten arbeiten, aber am wenigsten verdienen. Wir sehen uns nur als verlängerten Arm der Frauen, die Fähigkeiten und Ambition haben, aber oft keine Mittel. Und wichtig ist uns: Wir zeigen nicht ihr Elend, sondern ihr großes Potenzial und ihre Möglichkeiten! Das ist Hilfe zur Selbsthilfe für uns.

Viele soziale Projekte scheitern oder wirken anders, als sie dargestellt werden. Woran liegt das?
Es ist ein extrem harter Markt. Sozialunternehmertum ist oft sehr ideologisch, und wer so stark persönlich investiert, kann leicht ausgebrannt werden. Wirtschaftlich muss es dennoch tragbar sein, sonst funktioniert es nicht nachhaltig. Erfolg sollte nicht daran gemessen werden, ob man die größten Märkte erreicht oder die Konkurrenz übertrifft – wir vergleichen uns beispielsweise nicht mit großen Kaffee-Marken oder Ketten. Für uns ist organisches Wachstum und Stabilität entscheidend. Erfolg bedeutet, den eigenen Weg zu gehen und dabei Werte nicht aus den Augen zu verlieren. Viele Projekte scheitern, weil externes Kapital dazu drängt, Umsatzziele zu erreichen – dann fehlt der längere Atem, der oft notwendig wäre, um wirklich Wirkung zu erzielen.
Was bedeutet Nachhaltigkeit für dich – jenseits von Marketing, Labels oder Produkten?
Sie ganzheitlich und langfristig zu denken! Wir überlegen, wie unsere Bäuerinnen bezahlt werden, unter welchen Bedingungen sie arbeiten und wie wir stabile, langfristige Partnerschaften aufbauen können. Es geht nicht darum, den billigsten oder „best-zertifizierten“ Kaffee zu bekommen, sondern Beziehungen zu pflegen und diese nachhaltig aufrecht zu erhalten. Ich möchte ein mittelständisches Unternehmen aufbauen, das auch meine Ki
nder eines Tages weiterführen können, wenn sie wollen. Das nimmt uns den Druck, sofort die Welt erobern zu müssen – wir können Schritt für Schritt wachsen und Entscheidungen langfristig treffen.

Wie sollen künftige Generationen mit dem Fair-Trade-Konzept umgehen?
Ich habe großes Vertrauen in die nächste Generation. Unternehmen, die von Grund auf nachhaltig und fair gegründet wurden, werden diesen Ansatz weiterführen können. Diese werden dann auch nicht mehr als „Greenwashing“ abgetan, sondern aufgrund ihrer echten Intention erfolgreich sein. Nachhaltigkeit ist eigentlich gar nicht so schwer, sondern für Großunternehmen oft nur schwieriger umzusetzen, weil Strukturen geändert werden müssen. Ich hoffe und vertraue darauf, dass unsere Arbeit Bestand hat, dass es in Zukunft noch mehr Unternehmen gibt, die ähnliche Wege gehen, und dass Mechanismen und Gesetze nachhaltiges Handeln erleichtern.
Gerade in unsicheren Zeiten ist es wichtig, wandelbar zu bleiben, daran zu glauben und positiv zu agieren. Auch wenn alles dagegenspricht oder die Welt düster erscheint, darf man die Hoffnung nicht verlieren. Die bestehenden guten Ansätze müssen weiterverfolgt werden, gerade wenn es schwierig ist – Kontinuität, Optimismus und langfristiges Denken sind entscheidend.
»Wir zeigen nicht ihr Elend, sondern ihr Potenzial und ihre Möglichkeiten! Das ist Hilfe zur Selbsthilfe für uns.«
Vita:

Sara Nuru ist 1989 als Tochter äthiopischer Einwanderer in Erding, Bayern, geboren und unter anderem in München aufgewachsen. Schon früh zeigten sich ihre Zielstrebigkeit und ihr Wille, eigene Wege zu gehen. Sie ist verheiratet und Mutter von zwei Kindern und lebt derzeit in einem Vorort von St. Gallen in der Schweiz. Der Auftritt als Speakerin auf dem Rocketeer Festival 2026 ist der erste in Deutschland seit ihrer zweiten Elternzeit.
Business & soziales Engagement:
- Gründerin von nuruCoffee (2016): Social Business für fairen Handel und Unterstützung äthiopischer Frauen
- Gründerin von nuruWomen e. V.: Förderung weiblicher Selbstständigkeit durch Mikrokredite, Trainings und Bildungsprojekte
- Botschafterin für fairen Handel und nachhaltige Entwicklung beim Bundesministeriumfür wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) (2018)
- Autorin & Speakerin zu Identität, Empowerment und Frauenförderung