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20 Millionen für German Bionic

Wachstumsfonds Bayern beteiligt sich an Augsburger „Science Fiction“-Unternehmen

Gründer German Bionic
Science Fiction wird Realität
Eine Augsburger Firma entwickelt smarte Roboter für den Rücken: Die Exoskelette von German Bionic schaffen aber keine Übermenschen, sondern gesunde Arbeiter. Jetzt konnte das Unternehmen ein Gesamtvolumen von rund 20 Millionen Euro in der Serie-A-Finanzierungsrunde einsammeln und wird zum Hoffnungsträger für den Freistaat.

Ob Internet, Webcam oder Smartphone: Vor ein paar Jahren klang das alles noch nach Zukunftsmusik. Doch mit dem Fortschritt der Technologie wurde aus den einstigen Science-Fiction-Fantasien Realität. In die Kategorie der wahr gewordenen Technologieträume reiht sich nun auch das Exoskelett ein. Vorreiter für diese intelligenten Kraftanzüge auf dem europäischen Markt ist die Augsburger Firma German Bionic, die Exoskelette für den Einsatz in körperlich anspruchsvollen Branchen produziert.

Das Potential der Technologie erkennen jetzt auch Investoren: Bayern Kapital beteiligt sich mit dem Wachstumsfonds Bayern an dem Unternehmen. Lead-Investor der Serie-A-Finanzierungsrunde im Gesamtvolumen von rund 20 Millionen Euro ist Samsung Catalyst, der global agierende Venture Arm von Samsung. Co-Investoren sind neben dem Wachstumsfonds Bayern die Münchener MIG AG, die US-Fonds Storm Ventures und Benhamou Global Ventures sowie der japanische Start-Up-VC-Investor IT Farm.

 

Was ist ein Exoskelett?

Wörtlich übersetzt handelt es sich bei einem Exoskelett um ein „äußeres Skelett“. In der Biologie ist der Begriff sogar recht geläufig: Bei Käfern und Weichtieren, wie Muscheln zum Beispiel, schützt eine solche Stützstruktur den weichen Organismus von außen. „An Exoskeletten für den Menschen wird bereits seit den 1950ern gearbeitet“, erklärt Dr. Peter Heiligensetzer, CTO und Gründer von German Bionic. „Besonders das Militär forschte schon damals in diese Richtung. Anders als bei uns ging es aber eher um die Erschaffung von starken Übermenschen.“

Das Ziel der Exoskelette von German Bionic hingegen sei es, den menschlichen Körper so zu unterstützen, dass er auch bei jahrelanger schwerer Arbeit nicht geschädigt wird. „Wir möchten einfach einen nachhaltigen Umgang mit der Ressource Körper ermöglichen“, erklärt Eric Eitel, Head of Communications bei German Bionic. Deswegen entlastet der Cray X 4 besonders die Sollbruchstelle des menschlichen Skeletts.

„Wer oft und schwer heben muss, merkt das besonders im unteren Rücken. Mit der Zeit kann das zu erheblichen Beeinträchtigungen führen“, verdeutlicht Eitel. Deswegen schont das aktive Exoskelett von German Bionic genau diese Stelle: Der Cray X der vierten Generation wird wie ein Rucksack getragen, zwei Motoren auf Hüfthöhe reduzieren die auf den unteren Rücken wirkende Kraft. So wird der Träger beim Heben von Lasten bis zu 28 Kilogramm unterstützt.

 

Beispiel: Entlastung beim Reifenwechseln

Leicht und robust dank Kohlenstofffasern

Zum Antrieb der Motoren ist das Exoskelett mit einem Akku ausgestattet. Der kann ganz einfach herausgenommen und geladen werden, dann ist er bis zu acht Stunden einsatzfähig. Damit der Cray X 4 trotz Antrieb und Akku nicht zu schwer ist, setzt das Unternehmen auf Carbonfasern. Denn der moderne Werkstoff ist härter als Aluminium oder Stahl, wiegt aber nur einen Bruchteil davon. Aufgrund dieser Eigenschaften wird das Material bereits erfolgreich in den Bereichen Luft- und Raumfahrt sowie im Rennsport eingesetzt. Doch die Kohlenstofffasern haben noch einen weiteren Vorteil: Der internationale Hersteller SGL Carbon produziert die Carbonfasern ganz in der Nähe von Augsburg. Dadurch fallen keine weiten Lieferwege an, gleichzeitig wird die regionale Wirtschaft so gestärkt.

 

Augsburg und German Bionic gehören zusammen

Für den Produktionsstandort Augsburg sprechen aber noch einige weitere Punkte. „Augsburg hat einfach unglaublich einzigartige Standortfaktoren zu bieten. Zum einen hat die Stadt eine lange Tradition mit Robotik und Engineering. Dadurch gibt es hier eine äußerst interessante Arbeitnehmerschaft. Unser Gründer Dr. Peter Heiligensetzer ist dafür ja das beste Beispiel. Universität und Hochschule sorgen auch stetig für qualifizierten Nachwuchs in den Bereichen Engineering und Robotik“, erläutert Armin G Schmidt, CEO und Co-Gründer von German Bionic. Um die Produktion weiter nach oben skalieren zu können, wurde im Mai 2019 eine neue Halle eingeweiht. Die „gläserne Fabrik“ steht mitten in Augsburg, auf 1.000 Quadratmetern werden die hochmodernen Exoskelette  dort hergestellt. Weitere Standorte von German Bionic sind Berlin und Tokio. In der deutschen Hauptstadt geht es hauptsächlich um die Entwicklung der Software. In Japan hingegen wird der Markt erschlossen: Demographisch gleiche das Land Deutschland, Arbeitskräfte müssen auch dort geschont werden.

 

Augsburgs ehemaliger Oberbürgermeister Dr. Kurt Gribl zusammen mit den German-Bionic-Gründern Dr. Peter Heiligensetzer und Armin G. Schmidt bei der feierlichen Einweihung der gläsernen Fabrik.

 

Vom europäischen Forschungsprojekt zu German Bionic

Der Gründer des Unternehmens, Dr. Peter Heiligensetzer, beschäftigt sich schon lang mit dem Thema Kollaboration von Mensch und Maschine. Nach seinem Studium arbeitete er lange Zeit bei einem bekannten Augsburger Hersteller von Robotern. 2014 wurde Dr. Heiligensetzer dann für ein großes europäisches Forschungsprojekt als Industrieexperte zu Rate gezogen. Dort entstand auch der Prototyp des heutigen Exoskeletts von German Bionic: der Cray.

Um das Projekt weiter voranzutreiben, gründete Dr. Heiligensetzer, heutiger CTO, zusammen mit Co-Gründer und dem heutigem CEO Armin G. Schmidt sowie Michael Halbherr die Firma German Bionic. Schon 2018 konnten sie ihr Exoskelett der ersten Generation, den Cray X, vorstellen. Für das Projekt wurde das 75-köpfige Team mit etlichen Auszeichnungen geehrt: Sowohl der Bayerische als auch der Deutsche Gründerpreis ging 2019 an German Bionic. Für den großen Erfolg des Unternehmens ist maßgeblich Dr. Heiligensetzer verantwortlich: „Wenn man gründet, muss man sich eingestehen, dass man nicht in allem der Beste ist. Hat man das akzeptiert, kann man sich ein Netzwerk aus Experten aufbauen und interdisziplinär arbeiten.“

 

Optimierung über Cloud-Schnittstelle

Inzwischen ist die vierte Generation der intelligenten Rucksäcke auf dem Markt. Doch der Cray X 4 kann viel mehr, als „nur“ seinen Träger zu entlasten. „Besonders stolz sind wir natürlich auch auf unsere Software. Das Steuerungsprogramm ist sehr ausgeklügelt, Sensoren im Exoskelett und eine Cloud-Schnittstelle machen es möglich, dass wir die, natürlich anonymisierten, Echtzeitdaten auswerten. So können wir Prozesse optimieren und den Nutzern bessere Einstellungen vorschlagen“, führt Eitel aus. „Außerdem sind die Skelette über die Cloud-Plattform German Bionic IO mit dem industriellen Internet der Dinge (IoT) verbunden. Besonders in der Logistik ist die Digitalisierung, Stichwort Industrie 4.0 und Smart Factories, bereits so weit, dass sich unsere Crays da nahtlos integrieren lassen.“

In der Industrie zeigt sich außerdem ein weiterer Vorteil der intelligenten Kraftrucksäcke: Durch die fortgeschrittene Digitalisierung kommt es kaum noch zu Unterbrechungen in der Produktion. Wenn doch, liegt das an menschlichem Versagen, wie Fehlern durch Übermüdung. Auch davor kann das smarte Exoskelett Cray X 4 schützen. Denn mit dem aktiven Exoskelett können arbeitsrechtliche Anforderungen besser eingehalten werden: Die Software des Exoskeletts zeichnet auf, wie viel die Nutzer pro Schicht gehoben haben. So hat das Unternehmen die Lastenhandhabung stets im Blick und überschreitet die gesetzliche Obergrenze nicht.  Mit der IoT-Plattform German Bionic IO legt das Unternehmen also die datenwissenschaftliche Grundlage für KI-Anwendungen. So soll in Zukunft sowohl die Gesundheit der Träger als auch ihre Produktivität verbessert werden.

 

Über die Cloud-Schnittstelle ist das intelligente Exoskelett mit dem Internet der Dinge (IoT) verbunden. So entlastet es nicht nur Arbeiter, sondern optimiert auch Prozesse.

 

Von der Industrie ins Handwerk

Entwickelt wurde der Cray X tatsächlich erst einmal für die Logistik und Intra-Logistik der Industrie. Inzwischen sind aber auch einige andere Branchen auf German Bionic zugekommen. „Besonders im Handwerk gibt es viele schwere Prozesse, die nicht mit Robotern gelöst werden können“, erklärt Eitel. „Die Reifenwechsel-Saison ist ein solches Beispiel: Im Frühjahr und Herbst müssen die Mechaniker wie am Fließband Räder durch die Gegend hieven, bis zu fünfzig Kilo wiegt ein einziger SUV-Reifen. Nachdem BMW unsere Exoskelette getestet hat, bekamen wir viel positives Feedback von glücklichen Nutzern, die nach einem langen Arbeitstag endlich wieder ihre Kinder hochheben können.“ Zu den Kunden gehören weitere große Unternehmen, wie beispielsweise IKEA, DB Schenker oder auch der Stuttgarter Flughafen.

Auch Anfragen aus dem Pflegebereich bekomme das Unternehmen immer häufiger: Ob in der Altenpflege oder im Krankenhaus, viele setzen ihre Hoffnung auf die Technologie. „Wir forschen zusammen mit einer großen Klinik in Berlin, wie Exoskelette in der Pflege eingesetzt werden können, aber noch sind unsere Crays eher für die Industrie bestimmt. Unser Produkt ist wertig verarbeitet, stoßfest und wasserdicht. Doch in der Pflege müssen noch weitere Aspekte berücksichtigt werden“, begründet Eitel den bisher fehlenden Einsatz im medizinischen Sektor.

 

German Bionic bietet Preismodelle für jeden Betrieb

Um den verschiedenen Branchen und Anforderungen gerecht zu werden, bietet German Bionic seine Exoskelette mit einem flexiblen Robotics-as-a-Service-Preismodell an. Mit diesem System können die smarten Exoskelette sogar saisonweise genutzt werden. So sind die Hightechrückenentlaster für jede Firma, vom kleinen Handwerksbetrieb bis zum Dax-Konzern, bezahlbar. Bis man als Privatperson vom Exoskelett profitieren kann, wird es aber leider noch eine Weile dauern.  Mit seiner hochinnovativen Lösung zählt German Bionic in Europa zu den absoluten Technologie- und Marktführern und kann viele Menschen in körperlich anstrengenden Berufen dabei unterstützen, das Risiko von Muskel- und Skeletterkrankungen deutlich zu reduzieren.

 

Neues Kapital für internationale Expansion

Mit den neuen finanziellen Mitteln soll vor allem die weitere inernationale Expansion des Unternehmens vorangetrieben werden. Armin G. Schmidt, Gründer und CEO von German Bionic, sagt: „Um mit der steigenden Nachfrage mitzuwachsen, haben wir uns ein namhaftes Konstortium erfahrener, internationaler und technologieaffiner Investoren an Bord geholt. Wir freuen uns besonders, dass auch der Freistaat mit dem Wachstumsfonds Bayern in das enorme Potenzial unserer innovativen Technologie investiert.“

 

Von Bayern in die Welt

Für die bayerische Wirtschaft ist German Bionic ein Hoffnungsträger: „Für den Erfolg vielversprechender Hightech-Unternehmen wie German Bionic ist die Verfügbarkeit von Wachstumskapital eine entscheidende Voraussetzung.“ So Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger in einer Pressemitteilung. „Indem wir mit dem Wachstumsfonds Bayern solche Innovationstreiber bei der Realisierung großer Finanzierungsrunden unterstützen, schaffen wir zukunftsfähige Arbeitsplätze in wettbewerbsstarken Technologieunternehmen. So bringen wir die bayerische Wirtschaft nachhaltig voran.“

Roman Huber, Geschäftsführer von Bayern Kapital, sagt: „German Bionic adressiert mit seiner smarten Roboter-Technologie ein weltweit drängendes Gesundheitsproblem mit gravierenden Folgen für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sowie spürbaren wirtschaftlichen Folgen für Unternehmen. Das Unternehmen ist schon heute hervorragend international aufgestellt und verfügt über eine ambitionierte Mannschaft aus erfahrenen Unternehmern und Ingenieuren. Deshalb sehen wir bei German Bionic erhebliches Wachstumspotenzial und unterstützen das Unternehmen gerne bei seinen nächsten Schritten.“

 

 

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Bilder: German Bionic

 

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