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100 Millionen für Augsburg

Ein Interview mit Eva Weber

Augsburg wird mit 100 Mio. Euro unterstütz. Eva Weber verrät, wie das Geld eingesetzt werden soll
100 Millionen für KI & Innovation: Der Standort Augsburg soll mit Geld vom Freistaat für Zukunftsthemen massiv ausgebaut werden. Wir haben bei Augsburgs Oberbürgermeisterin Eva Weber nachgefragt, wohin genau die Förderungen fließen und welche Unternehmen und Einrichtungen profitieren werden.

Wohin fließt das Geld genau?

Eva Weber: Das Zukunftsprogramm Augsburg besteht aus drei Teilen. 92 Millionen Euro fließen in den Bereich Künstliche Intelligenz, es betrifft vor allem Forschungsprojekte der produzierenden Unternehmen. 8,9 Millionen Euro fließen in den Bereich Wasserstoff. Damit sollen die Unternehmen MAN/H-Tec sowie Quantron und Freudenberg gefördert werden. Und 10 Millionen Euro fließen in die Luftfahrtindustrie als Aufstockung des Förderprogramms BayLu25.

 

Mit dem Programm soll die junge Generation eine Perspektive bekommen. Doch wie genau soll diese Perspektive aussehen?

Eva Weber: Der Schwerpunkt des Zukunftsprogramms liegt auf Künstlicher Intelligenz an der Schnittstelle zu Materialdigitalisierung und Produktionstechnik. Das klingt jetzt erst mal sperrig, bedeutet aber konkret: Das Programm hilft dabei, Wissenschaft und Produktion enger zu verzahnen. Unternehmen aus Augsburg und Bayern soll es so möglich werden, langfristig konkurrenzfähig zu produzieren und Arbeitsplätze zu erhalten. Gleichzeitig kommt das Programm natürlich auch der jungen Generation zugute. Gerade junge Menschen und Start-ups zeichnen sich durch ein hohes Innovationsvermögen aus, haben häufig jedoch nicht die Ressourcen, das Erfahrungswissen oder die Strukturen, ihr Potenzial zu entfalten. Das KI-Programm, als ein querschnitts- und netzwerkorientiertes Programm, will dies ermöglichen, indem es Innovationen fördert, Netzwerke unterstützt und junge Initiativen mit etablierten mittelständischen Unternehmen, Instituten und Geldgebern zusammenführt.

 

Das meiste Geld soll in ein Zentrum für Künstliche Intelligenz fließen. Gibt es schon Pläne, wo es entstehen soll und welche Partner beteiligt sein werden?

Führende Forschungspartner sind das Fraunhofer IGCV, das DLR-ZLP sowie Universität und Hochschule Augsburg. Im Wesentlichen wird es darum gehen, Produktionsprozesse auf ein neues Niveau zu heben, damit auch in Zukunft die Wettbewerbsfähigkeit und Qualitätsführerschaft auf internationalen Märkten aufrechterhalten werden kann. Dies kann nicht mehr allein durch eine Weiterentwicklung bestehender Prozesse erreicht werden, sondern bedarf einer Digitalisierung einzelner Produktionsschritte und den Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Aktuell befinden sich die Forschungspartner in der Planungsphase und in enger Abstimmung mit den Ministerien. Wo genau das Zentrum sein wird, ist noch nicht entschieden.

 

Das Programm für Luft- und Raumfahrt wird auch aufgestockt. Können daraus Innovationen entstehen oder werden nicht nur finanzielle Löcher gestopft?

Für die Jahre 2021 und 2022 wird das bayernweite Förderprogramm BayLu25 um jeweils 5 Mio. Euro aufgestockt. Diese Summen können in Projekte der Luftfahrtindustrie im Raum Augsburg fließen, das heißt in die Forschung und Entwicklung. Diese Perspektive ist besonders wichtig, da Unternehmen dazu neigen, in Krisenzeiten nicht in die Forschung zu investieren. Innovationen sind allerdings für die Zukunftsfähigkeit enorm wichtig und erhalten langfristig gesehen auch Arbeitsplätze.

Darüber hinaus können auch luftfahrtaffine Startups von der Förderung profitieren. Eine Vernetzung mit der Wissenschaft, Start-ups und etablierten Unternehmen sowie dem neu entstehenden KI-Zentrum könnte auch neue Geschäftsbereiche für die Luft- und Raumfahrtindustrie eröffnen.

 

Auch in Projekte im Bereich Wasserstofftechnologie fließt Geld. Etablierte Unternehmen haben sich ja bisher schwergetan, eine Innovation auf die Straße zu bringen, hoffen Sie hier auf junge Unternehmen?

Auch etablierte Unternehmen sind natürlich ständig bestrebt, mit innovativen Produkten und Dienstleistungen Wettbewerbsvorteile zu erlangen. MAN SE und H-Tec beispielsweise werden für das Projekt „Entwicklung von Wasserstoff-Elektrolyseuren“ mit 5 Mio. Euro gefördert. Außerdem erhalten Quantron und Freudenberg am Standort Gersthofen 3,9 Mio. Euro für die „Erforschung und Erprobung eines Brennstoffzellensystems für Nutzfahrzeuge“. Gleichzeitig gibt es in Bayern auch zahlreiche Start-ups und junge Unternehmen, die im Bereich der Wasserstoff- und/oder Brennstoffzellentechnologie tätig sind. Hier wäre es unabhängig von den zwei geförderten Projekten sinnvoll, dass etablierte und junge Unternehmen zusammenarbeiten, um Synergiepotenziale zu entwickeln.

 

Wieso fließt das meiste Geld mit KI in einen Bereich, in dem wir doch quasi keine Chance mehr haben, andere Länder einzuholen?

Die Analyse, wer in der KI führend ist, muss für verschiedene Bereiche differenzierter ausfallen. Bei der Integration von Systemen in eine Produktionskette müssen wir uns bereits jetzt nicht verstecken. Hierauf lässt sich aufbauen: Zahlreiche Kompetenzen in Produktion und Materialwirtschaft sind in der Region Augsburg bereits vorhanden. Diese Kompetenzen können gebündelt, ergänzt und über die reine Prozessautomation mit Hilfe Künstlicher Intelligenz zur adaptiven Produktion weiterentwickelt werden: Selbstlernende Systeme, die auf eine Vielzahl verschiedener Materialien abgestimmt werden können. Damit ist es möglich, die Attraktivität der Produktion im Hochlohnstandort Deutschland und einen Wettbewerbsvorsprung langfristig zu erhalten.

 

Wie können junge Unternehmen am Technologieschub für Augsburg mitwirken?

Eine Vernetzung mit den bereits bestehenden Forschungseinrichtungen und Unternehmen ist besonders wichtig. Hierfür sind beispielsweise Verbundprojekte besonders gut geeignet. Im Rahmen von Bayern Digital und der Hightech Agenda ruft die Bayerische Staatsregierung aktuell zur Einreichung von Projektvorschlägen auf.

 

Auch in die Universität Augsburg wird massiv investiert. Wie wird sichergestellt, dass das theoretische Wissen auch in die Unternehmen fließt?

Hier ist Wissenstransfer das Schlagwort. Neben Forschung und Lehre ist das die gesetzlich verankerte dritte Mission von Hochschulen. Wissens-, Technologie- und Ideentransfer passiert klassischerweise auf mehreren Ebenen. Die Universität Augsburg ist beispielsweise Kooperations- und Ansprechpartner für Unternehmen am Standort, etwa für Verbundprojekte. Es gibt außerdem universitäre Ausgründungen und natürlich werden die jetzigen Studierenden später einmal selbst in Unternehmen arbeiten und ihr Wissen einbringen können. An den Hochschulen gibt es außerdem Wissens- und Technologietransferbeauftragte als zentrale Ansprechpartner für Wirtschaft und Wissenschaft, beispielsweise über das Projekt WiR (Wissenstransfer Region Augsburg) der Universität Augsburg oder am Institut für Technologie- und Wissenstransfer der Hochschule Augsburg.

Es gibt außerdem auch andere Möglichkeiten, um das theoretische Wissen in die Umsetzung zu bringen, dazu zählen beispielsweise Lernfabriken, Demonstratoren, Unternehmensbesuche oder Workshops.

 

Blick in die Glaskugel: Wie sieht der Wirtschaftsstandort Augsburg in zehn Jahren aus?

Hoffentlich aus einer vielfältigen Mischung aus etablierten Unternehmen und Start-ups, die innovative Ideen und Impulse in die Region bringen. Die diversifizierten Wirtschaftsstrukturen Augsburgs mit dem Schwerpunkt auf Produktion machen den Standort für Gründer und Start-ups sowie Innovationen grundsätzlich attraktiv. Auch die weichen Standortfaktoren, wie das hohe Lebenswertgefühl und das große Kultur- und Freizeitangebot, bieten ein attraktives Umfeld für Gründer und Arbeitnehmer. Die Rahmenbedingungen des Gründerökosystems bieten insgesamt hinsichtlich der Infrastruktur, der Verfügbarkeit von Fachkräften des Arbeitsmarktes und des Marktgeschehens in Augsburg ein sehr gutes Umfeld. Und die Vernetzung ist viel leichter möglich als in den unübersichtlichen Ballungszentren.

 

Foto: Stadt Augsburg

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